Drei große Baumeister des
20. Jahrhunderts, Vladimir Suchov,
Buckminster Fuller und Frei Otto,
haben vor und nach dem 2. Weltkrieg
auf ganz neue Art gebaut und dabei den
Begriff "Leichtbau" im Bauwesen
eingeführt. Seither entfaltet sich diese
Facette des Bauens fortschreitend,
und es gibt inzwischen weltweit neben
Uni-Instituten auch einige Architektur-
und Ingenieurbüros, die ausschließlich
auf Leichtbauweisen spezialisiert sind.

Wovon wir sprechen

Wenn wir von Leichtbau sprechen,
meinen wir damit
unterschiedliche Bautechniken:
Zelt- und Membranbauten, Seiltragwerke
und Seilnetze, pneumatische
Konstruktionen, Schalen, Kunststoff-
oder Aluminium - Konstruktionen.
Gemeinsames Merkmal dieser Bauweisen
ist eine momentenfreie Beanspruchung der
Bauteile, so dass vorwiegend Zug- oder
Drucklasten in den Traggliedern aufgenommen
werden. Es reduzieren sich dann die
Dimensionen der Bauteile, weil
sie entsprechend ihrer axialen Belastung
gleichmäßig ausgenutzt werden können.
Im Gegensatz dazu treten bei der
Belastung durch Biegung die maximalen
Beanspruchungen nur in der
Randbereichen der Bauteile auf.



Allerdings kommt kein Zelt ganz ohne
Bauteile mit Biegebeanspruchung aus,
und wir zählen auch Momenten-intensive
Rahmenkonstruktionen aus leichten
Materialien zum Leichtbau. Das Speichenrad
zählt zu den bekantesten Leichtbaukonstruktionen.
Damit wird die Definition des Begriffs
entlang der Bauteilbelastung wieder
durchbrochen. Man könnte zum Leichtbau
auch alle Bautechniken rechnen, die sich
leicht beweglicher Bauteile bedienen:
dann wären aber große Zeltdächer
wie im Olympiastadion München
kein Leichtbau.

So entzieht sich der Begriff
"Leichtbau" seit seinem Auftauchen
vor ca. 60 Jahren immer wieder der
abschließenden und exakten Definition.
Er wurde viel mehr zu einem Leitbegriff,
zur Vision von einem veränderten Bauen
mit minimalen Mitteln, das nicht
begrifflich exakt sondern eher intuitiv mit
dem Wort "Leichtbau" bezeichnet wird,
im Englischen und Französischen
übrigens gleichermaßen:
"ligthweight structures" und
"les structures légères".


Die Vision des Leichtbaus lässt sich mit
zwei Urbildern des Bauens verdeutlichen:
wir bauen, indem wir

mit der Hand ausgreifen und entweder

eine Kuhle in die Erde drücken, oder

einen Teil des Luftraums für uns
abgrenzen (nach Bodo Rasch sen.).


Mit der Kuhle im Boden bilden wir unsere
ersten Höhlenbehausungen nach - heute
in den bekannten Massivbauweisen.
Mit der Hand in der Luft bilden wir die
"Hallen" des Waldes nach - heute in den
Holzfachwerk- und Skelettbauten sowie
den Leichtbauweisen von Zelt, Schale,
Pneu und Gitter. Diese werden erst seit
ca. 40 Jahren ingenieurtechnisch entfaltet
und müssen daher noch gar nicht
abschließend definiert werden.

Wofür wir bauen

Die zwei archetypischen Behausungen Zelt
und Steinhaus symbolisieren auch zwei
gegensätzliche Lebensweisen und
Kulturen des Menschen:

-in Häusern aus Lehm und Stein wohnen
 Bauern und Handwerker, die eine
 ortsfeste Produktion von Lebensmitteln
 und Gütern aufbauen, und deren Kultur
 entsprechend verwurzelt und dinglich sein kann.

-in Zelten leben Jäger und Sammler,
 die als Nomaden keinen festen Ort
 haben, deren Kultur sich transportabel,
 am besten immateriell ausgestalten muss.

Man kann mit einigem Recht sagen,
dass unsere nachindustriellen
Gesellschaften zunehmend nomadenhaft
geprägte Persönlichkeiten hervorbringen,
deren Lebensstil baulich am besten mit
leichten, immer wieder veränderlichen
Baulichkeiten entsprochen wird. Sicher
geht das Faszinosum der Leichtbauweisen
aber auch einfach von der andersartigen,
organischen Formensprache aus, die hier
möglich wird und die in wohltuendem
Gegensatz zu unserer orthogonal geprägten
Umwelt steht.